Wettkampfberichte
Marathon des Sables 2011
Es ist unglaublich, was der Körper zu leisten vermag.
Noch viel unglaublicher ist, was der Geist bewegen kann……
12,7kg zeigte die Wage beim Einchecken zum MDS. Dazu sollten noch 160g für den Racetracker und mindestens 1,5 l Wasser kommen, die permanent mitgetragen werden mussten.
Nach meiner Ankunft in Quarzazate wurde ich mit den anderen Teilnehmern um zirka 3 Uhr morgens in das Hotel Gazelle gebracht. Patrik Bauer, der Veranstalter des Mds hatte es sich nicht nehmen lassen, jeden Teilnehmer auch zu dieser nachtschlafenen Zeit persönlich per Handschlag zu begrüssen. Das Hote Gazelle war sehr einfach, hatte aber einen interessanten orientalischen Flair. Ich bekam mit 2 weiteren Österreichern Markus und Wolfgang ein 3-Bettzimmer. Nach einer kurzen, schlafarmen Nacht, gemeinsamen Frühstück wurde ich dann mit einem Bus in sechsstündiger Fahrt in die Sahara gebracht. Nachdem noch das gesamte Gepäck dabei war, war das Umsteigen auf die Gelände Lkw´s mit denen die letzten Kilometer bis in das Bivouac 1 zu bewältigen waren zu ein Herausforderung.
Endlich angekommen, bezog ich, wie auch 6 weitere Österreicher das Zelt 72. Wir verstanden uns auf Anhieb außergewöhnlich gut, hatten auch eine sehr ähnliche Auffassung von Humor, sodass die erste Nacht im Zelt mit all der Anspannung und der ungewohnten Umgebung rasch vergehen sollte.
Der nächste Tag war dem Einchecken gewidmet, vorher tüftelten allem in Zelt am optimalen Einräumen ihrer Rucksäcke. Es wurden Nahrungsmittel getauscht, Listen abgearbeitet, bis jeder mit seinem Rucksack halbwegs zufrieden war. Die Reste wurden ins Reisegepächte verstaut, das dann unter Bewachung in das Hotel, in dem wir die 2 Nächte nach dem Zieleinlauf verbringen sollte, gebracht wurde.
Dann fasste ich noch 1 Sackerl mit 120 Salztabletten aus, ( die Empfehlung der Ärzte war, pro 1,5 l Wasser 2 Stk. einzunehmen, und die verpflichtende mitzunehmende Notrakete. Die Hitze bei dieser Prozedur ließ schon ein wenig erahnen, welche Belastung auf die Teilnehmer zukommen sollte. Der Rucksack wog also 12,7kg und nachdem ich mit Startnummer 932 einer der letzten war, die rennbereit gemacht wurden, brachte ich nicht mehr lange auf die Wettkampfbesprechnung zu warten.
Patrik Bauer trug in Französisch vor, eine Mitarbeiterin übersetzte auf Englisch. Besonderer wert wurde auf das Befestigen der Startnummer gelegt, alle Regel bezüglich Zeitstrafen noch mal erklärt und auch die Handhabung der Notrakete gezeigt. Das wäre für den Demonstrator fast in die Hose gegangen, das Ding ist so abgezischt, dass er vor schreck fast den parkenden Hubschrauber getroffen hätte.
Dann gings bei einzigartigem Sternenhimmel und einem vom Veranstalter gestellten Abendessen ab in den Schlafsack ins Zelt 72. Man konnte bei jedem einzelnen die Anspannung spüren…….
Am nächsten Morgen, lange vor Sonnenaufgang waren schon alle wach. Erstmal Frühstück aus den eigenen Vorräten. Ich aß einen Müsliriegel, ½ Resource, ein paar Trockenfrüchte und ein paar Nüsse. Dann hörten wir schon das Hjalla Hjalla der Berber, die für den Zelt Auf und Abbau zuständig waren, und noch ehe man sich versah, war das Zelt weg und wir standen im Freien. Dann mußte ich mich wie die anderen zum Ausfassen der verpflichtenden Flasche Wasser anstellen. 1,5 Liter. Für alle verpflichtenden bzw. zu erhaltenden Dinge mußte die Ausgabekarte mitgeführt werden. Dies wurde nach erhalt der Ration gelocht. Damals wusste ich noch nicht, dass ich in der ganzen Woche über 70! Wasser bekommen und auch verstoffwechseln würden.
Dann endlich an den Start der 1. Etappe. Ansprache von Patrik, ACDC “Highway to hell” dann der Start. Das Feld startet wie verrückt los. Als ob es kein morgen gäbe. Ich setzt mich mit meinen 100kg Gesamtgewicht gemächlich in Bewegung. Es ist schon mächtig heiß. Immer wieder werde ich von Läufern überholt, und ich frage mich, ob ich das richtige Tempo gewählt habe. Die ersten 8km sind steinig, aber flach. Dann sind Dünen angekündigt. Bei CP 1 wird eine Extraflasche Wasser verpflichtend ausgeben. Noch denke ich an nichts schlimmes. Dann: 13,1 km Dünen aus feinem, rutschigen Sand.
So hoch wie die Hügel im Wienerwald; dies alles in der Mittagshitze. Noch ehe du die Wasserflasche zugemacht hast, bist du schon wieder durstig. Der Sand und die Höhenmeter zehren an den Kräften. Wie auch ich, gehen die Teilnehmer nur mehr. Trotzdem überhole ich den einen oder anderen. Eine Sandeidechse kreuzt meinen Weg, Ich bin auch überrascht, dass immer wieder im Sand einige Pflanzen sichtbar sind. Immer höher geht es die Dünen hinauf. Das Gewicht des Rucksackes lastet auf den Schultern Man glaubt nicht, wie lange 13km im Sand dauern können. Aber irgendwann wechselt die Landschaft, und CP 2 taucht auf. 1,5 l Wasser, 2 Salztabletten. Die letzten 8 Etappenkilometer kann ich wieder einige überholen und lande mit einer Zeit von 6:27 als 270 im Ziel.
1 Becher Sultan Tee des Hauptsponsors wird gereicht, wirklich nur einer pro Teilnehmer, dann gleich das Ausfassen der 3 x 1,5l Wasser für den Rest vom Tag. Ich komme als 4er ins Zelt 72. Überhitzt, aber glücklich.
Meine Brille hat sich jetzt ganz zerlegt, zum Glück hat Wolfgang eine 2te mit, die er mir borgt.
Langsam wird es immer stürmischer. Die Zelte werden hin und hergbeutelt. Ein Sandsturm zieht auf………
Die ganze Nacht heult der Wind. Überall Sand ; zwischen den Zähnen, in den Ohren, in der Nase, Das ganze Bivouac 2 liegt im Nebel. Alles was nicht festgebunden oder beschwert ist, wird sofort weggerissen. Ich finde die Hülle eines Schlafsackes, stecke sie ein. Zum Glück habe ich die Brille von Wolfgang, sonst wäre an Fortbewegung nur mit geschlossenen Augen zu denken.
Dann wieder die Berberfreunde, die das Zelt abbauen, Wasserholen, Essen , brauner Sack, an den Start, Patrik, ACDC und los. Diesmal komme ich besser weg, lange Zeit laufe ich durch das im Sand wachsende Kamelgras. ( das sollte sich noch bei der langen Etappe rächen.) CP 1 kommt rasch, dann wieder ein paar Dünen, durch den Sandsturm ist es nicht so heiß wie gestern. Kann ein wenig auf die Tube drücken, komme zügig zu Cp 2. Nun ist ein Berg gerade voran. Zuerst nur ein leichter Ansstieg, dann ist Klettern durch ein steinernes Flussbett angesagt. Mein Fotoapparat hat sich wegen Sand im Getriebe schon lange verabschiedet, ist nur mehr Ballast. Endlich CP 3 und dann ab ins Ziel, wo schon ein Becher Sultan Tee wartet.
Bivouc Nr. 3 ist erreicht. Der Sandsturm hat sich gelegt. Nach und nach langen die anderen Zeltgenossen ein, wir mache Feuer und kochen, essen und scherzen. Die ersten in unserem Zelt haben kleine Blasen, aber nichts arges.
Schnell geht die Sonne unter, es zeigt sich ein wunderschöner Sternenhimmel. Das erste mal kann ich wirklich gut in meinem Schlafsack ruhen.
Die 3 Etappe startet wie gewohnt mit Highway to hell nach vorheriger Ansprache von Patrik. Heute geht es mir ausgesprochen gut. Nach und nach über hole Läufer, ein Berg mit einem unglaublich bizarren Profil ist zu überwinden. Dann eine kleine Siedlung zu durchqueren. Kinder feuern mich an, wollen Bonbons. Mein Körper hat sich schon gut an die Hitze angepasst und ich strebe rasch dem Etappenziel entgegen, dass ich als 220er erreiche.
Heute ist das Hauptgesprächsthema im Lager die lange ( 82 km ) Etappe und man spürt bei allen die Anspannung, die sich auch bei mir in der Schlafqualität niederschlägt. Bei mir ist noch dazu der Knöchel des linken Fußes ganz angeschwollen, wohl durch das Einknicken im Sand.
Ein wolkenloser Himmel erwartet die Teilnehmer am „ Tag der Wahrheit“. Heute ist es merklich ruhiger als sonst. Die anstehenden 82 km werfen ihren Schatten voraus. Heute starten die an 1.-50er Stelle liegenden 3 Stunden hinter dem Hauptfeld, um auch einen Teil in der Dunkelheit laufen zu müssen. Nach der üblichen Startprozedur setzt sich das reduzierte Feld dann heute etwas gemächlicher in Bewegung. Heute ist es extrem heiß. Über dem zu überquerenden ausgetrockneten Salzsee flimmert die Luft 52° sollte es dort haben. Langsam machen sie Verschleißerscheinungen bemerkbar. Zirka 50km bin ich unterwegs. „ Nur mehr 32“ versuche ich mich zu motiivieren. Nach Überquerung einiger Sanddünen habe ich das Gefühl, Sand im linken Schuh zu haben. Ich ziehe Gamasche und Schuh aus, kein Sand, es sind einige pralle Blasen, die den Platz im Schuh benötigen. Jetzt weiss ich endlich das Gefühl zu deuten, steche die dicksten Blasen auf und schon geht´s weiter.
Die Dämmerung kommt rasch und bald ist das grüne Knicklicht am Rucksack der Teilnehmer und die Stirnlampe und die einzige Orientierungshilfe. In dem Bereich wo ich mich befinde, ist das Feld ganz schön auseinandergezogen. Ab und zu ist auch auf der Strecke ein Leuchtstab aufgestellt. Wie sich nachher herausstellt, ein beliebtes Teil für einheimische Kinder, sodass für das Hauptfeld die Orientierung manchmal schwierig wird,
In der Dunkelheit sehe einen einzigartigen Sternenhimmel. Nach und nach bemerke ich, dass meine Energiereserven dem Ende zugehen. Habe aber keine Lust, Nahrung zu mir zu nehmen. Nicht mal ein Powergel. Wieder kommen Dünen, ich schätze, dass ich mich bei Kilometer 65 befinde. Bin total müde, würde am liebsten sofort schlafen. Sehe keinen Läufer mehr, bin ganz alleine. Lasse mich auf einen Sandhügel fallen und betrachte die Sterne, unzählige Sternschnuppen und genieße die absolute Ruhe. Nach einiger Zeit kommt ein Läufer an mir vorbei, fragt mich, ob alles Ok ist. Ich raffe mich wieder auf und weiter geht. Kann nicht mehr Laufen. Versuche trotz Schmerzen halbwegs flott zu gehen. Endlich kommt CP 5 dieser Etappe, nach 72 km. Hier sieht man schon den Laserstrahl, der einem die letzten 5 km den Weg ins Etappenziel weist. Die wohl längsten 10 km meines Lebens stehen jetzt bevor. Du siehst das grüne Licht, bewegst dich fort, aber du hast das Gefühl, dem Ursprung des grünen Lasers nicht näher zu kommen. Aber alles hat ein Ende. So erreiche ich, nachdem mich unzählige Läufer noch überholt haben deutlich schlechter als die Tage zuvor platziert endlich das Etappenziel. Nicht mal der Sultantee kann mich motivieren, noch etwas zu essen und klettere todmüde in den Schlafsack. Heute bin ich in der Gesamtwertung nur noch 350er und 4. Österreicher.
Nach dem Erwachen sehe ich, dass noch immer einige aus meinem Zelt fehlen, Auch in den anderen Zelten sind viele leere Plätze. Ich koche mir heute eine üppige Portion Travellunch, esse Nüsse und Trockenfrüchte und als besonders Highlight gibt es das Nougat Grießkoch. Das Zeltlager gleicht einem Lazarett. Fast alle humpeln. Ich kann mir noch nicht vorstellen, morgen einen Marathon auf diesen Bodenverhältnissen zu laufen. Meine Blasen sind prall gefüllt, immer wieder steche ich sie mit sterilen Kanülen auf. Sinnlos sind die Blasenpflaster. Die sind viel zu kleine für meine Blessuren. Immer noch kommen Nachzügler ins Ziel 34 Stunden ist das Zeitlimit. Einige überschreiten dies sogar, bekommen als Draufgabe noch eine Zeitstrafe.
Nach einer frischen Nacht steht heute die Marathon Etappe am Programm. Ich fühle mich ganz gut erholt und humple mit meinen Zeltgenossen zum Starttranparent. Nach dem unspektakulären Start, bemerke ich, dass die Schmerzen des Knöchels und der Blasen nahezu weg sind. Natürlich spüre ich, dass an verschiedensten Körperstellen Verletzungen vorhanden sind, aber das Hirn vermag den Schmerz dazu auszublenden. So komme ich gut voran, kann viele überholen und komme mit passabler Zeit und unter Rückeroberung des 3tn Österreicher Ranges ins Etappenziel. Heute abend gibt es eine Besonderheit am Abend im Lager. Der Veranstalter hat alle Vertreter der Sponsoren in die Wüste ins Zeltlager eingeladen. Dort gibt es ein Open Air Konzert eine der extra aus Paris eingeflogen Gruppe von Musikern der Pariser Oper. Ein wunderschönen, wenn auch leicht bizarres Erlebnis. Für die letzte Etappe, die 17,5 km lang ist, dürfen auch Gäste der Sponsoren mitlaufen. Just for Fun, ohne Rucksack .
Heute ist am Start alles sehr entspannt. Heute dürfen die an letzten 70 Plätzen liegenden 1 Stunde früher starten. Dies geschieht unter dem Jubel der anderen Teilnehmer. Dann geht’s los mit den letzten Kilometern. Heute ist das Tempo sehr hoch. Die letzten Reserven werden mobilisiert. Ich überhole viele in der Gästeklasse startenden und schon bald sind die ersten Häuser von Tanzarine erkennbar. Dann laufe ich schon zwischen ärmlichen Häusern, Ställen und Geschäften vorbei. Die ganze Stadt ist zu durchqueren. Das erste mal seit 249 km wieder Asphalt. Ich fühle mich darauf unwohl und lauf gleich am Straßenrand im Sand Das Tempo wir immer höher, noch wenige 100m bis zum Ziel, Jubel der zahlreichen Zuseher, Hubschrauber, Kameras, Musik und endlich die Sultan Teekanne. Das Ziel ist nahe. 251km sind gleich Geschichte. Das Überschreiten der Ziellinie ist für mich Freude und Trauer zugleich. Einerseits unsagbares Glücksgefühl, dass langersehnte Ziel erreicht zu haben, andererseits dieses abrupte Ende und die baldige Trennung von liebgewordenen Kameraden. Patrik Bauer, umarmt jeden einzelnen ins Ziel gekommenen und übergibt ihm die Medaille. Dann erhalte ich noch eine Lunchpaket für die Busfahrt nach Quarzazate, die nur mehr 4 Stunden dauert.
Ankunft im Hotel, das erste mal Duschen, unwirklich. Essen am Buffet und ein Cola light . Die Zivilisation hat mich wieder. Will trotz Bett im Hotelzimmer in meinen Schlafsack, das sollte auch am nächsten Tag noch so sein und ich frag mich, ob ich das wirklich alles brauche, was es da bei uns so gibt………











